Ökumene im dritten Jahrtausend
Die Synodalität, der Primat und die Ernsthaftigkeit Roms im Dialog mit der Orthodoxie
von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer
I. Synodalität und Primat – Lektionen aus dem ersten Jahrtausend und Perspektiven für das dritte
1. Ein neuer Meilenstein im Dialog
Anfang Juni 2023 war Alexandria Schauplatz einer bemerkenswerten ökumenischen Etappe: Die „Gemeinsame Internationale Kommission für den Theologischen Dialog zwischen der Römisch-katholischen Kirche und der Orthodoxen Kirche“ verabschiedete ihr Konsensdokument „Synodalität und Primat im zweiten Jahrtausend und heute“.
Das Dokument zeichnet die historischen Entwicklungen nach und macht sichtbar, wie unterschiedlich sich Synodalität und Primat in Ost und West entfaltet haben – und wie sie dennoch zusammengehören. Es ist eine Schlüsselfrage für die Zukunft der Christenheit: Wie können Leitung und Gemeinschaft, Einheit und Vielfalt, Autorität und Mitsprache in der Kirche so gelebt werden, dass sie dem Evangelium entsprechen – und die Spaltungen der Vergangenheit überwinden helfen?
2. Zurück zu den Wurzeln: Das erste Jahrtausend
Der Schlüssel liegt in den gemeinsamen Erfahrungen der Alten Kirche. Darauf verweist bereits das frühere Chieti-Dokument „Synodalität und Primat im ersten Jahrtausend“ von 2016.
2.1 Kirche als Communio
Die Christen der ersten Jahrhunderte verstanden die Kirche als koinonia – als Gemeinschaft, die Abbild der göttlichen Dreifaltigkeit ist. In jeder Ortskirche, versammelt um ihren Bischof, wurde diese Einheit konkret: in der Liturgie, in der Eucharistie, im Alltag des Glaubens.
2.2 Synodalität – gemeinsam unterwegs
„Kirche bedeutet Synode“, sagte Johannes Chrysostomus. Gemeint war: Kirche lebt aus Beratung, Austausch, gegenseitigem Hören – aufeinander und auf den Heiligen Geist. Synoden waren kein Ausnahmefall, sondern eine selbstverständliche Form kirchlicher Leitung: von den Diözesen über regionale Bischofsversammlungen bis hin zu den ökumenischen Konzilien.
2.3 Primat – Dienst, nicht Herrschaft
Gleichzeitig wurde immer ein „Erster“ anerkannt: in der Ortskirche der Bischof, in der Region der Metropolit, auf universaler Ebene der Bischof von Rom. Aber dieser Vorrang war kein Herrschen von oben, sondern ein Dienst an der Einheit. Jesus selbst hatte gelehrt: „Wer der Erste sein will, soll der Diener aller sein“ (Mk 9,35).
2.4 Ost und West im Miteinander
Im 4. bis 7. Jahrhundert etablierte sich die Ordnung der fünf Patriarchate: Rom, Konstantinopel, Alexandrien, Antiochien und Jerusalem. Rom hatte den Ehrenprimat, verstand diesen aber bald stärker als Petrusdienst. Die östlichen Kirchen hielten stärker am synodalen Miteinander fest. Trotz Spannungen blieb die Communio zwischen Ost und West bis ins 11. Jahrhundert bestehen – und bildet heute ein Vorbild.
3. Der Bruch des zweiten Jahrtausends
Das zweite Jahrtausend brachte die große Spaltung. Unterschiedliche theologische Akzente, politische Rivalitäten und wechselseitige Missverständnisse führten zum Auseinanderdriften von Katholiken und Orthodoxen.
Im Westen entwickelte sich ein stärkerer Jurisdiktionsanspruch des Papstes. Im Osten hielt man daran fest, dass kein Bischof allein über allen anderen stehen könne.
Das neue Dokument aus Alexandria macht deutlich: Beide Extreme sind unhaltbar. Die Kirche ist weder eine absolute „Pyramide“ unter einem monarchischen Papst, noch ein lockerer Bund unabhängiger Nationalkirchen. Synodalität und Primat gehören zusammen, sind „komplementär und untrennbar“.
4. Dialog trotz Hindernissen
Die Arbeit am neuen Dokument war langwierig. Bereits 2018 begann eine Subkommission mit den Entwürfen, Corona bremste die weiteren Beratungen. Erst 2023 konnte in Alexandria die Vollversammlung den Text beschließen.
Nicht alle orthodoxen Kirchen waren anwesend – etwa Moskau oder Antiochien. Manche, wie die georgische Kirche, äußerten grundsätzliche Vorbehalte: Wenn die Orthodoxie die einzig wahre Kirche sei, warum brauche es dann Einheitssuche?
Dennoch war die Stimmung in Alexandria bemerkenswert positiv. Patriarch Theodoros II. sprach von einem „gesegneten Dialog“ in einer Zeit weltweiter Spaltungen. Vertreter anderer Patriarchate lobten die klare Darstellung und die Rückbesinnung auf fast vergessene Traditionen der Einheit.
5. Das dritte Jahrtausend: Notwendige Schritte
Wie aber sieht die Zukunft aus? Papst Franziskus hat eine klare Antwort: „Synodalität ist das, was Gott von der Kirche des dritten Jahrtausends erwartet.“ Papst Leo XIV. steht ganz klar und deutlich zu dieser theologischen Linie.
5.1 Synodalität – mehr als Beratung
Synodalität bedeutet nicht parlamentarische Debatte. Sie meint gemeinsames Hören auf den Heiligen Geist. Franziskus betont: „Die Synode ist kein Parlament, sondern ein geistliches Geschehen.“ Das unterscheidet sie von rein demokratischen Mehrheiten.
5.2 Primat – mehr als Ehrenvorrang
Auch die Orthodoxen erkennen: Ein Ehrenprimat reicht nicht aus. Die weltweite Kirche braucht ein Amt der Einheit, das über rein symbolische Funktion hinausgeht. Der Papst könnte diese Rolle spielen – allerdings als „Bischof unter Bischöfen“, eingebettet in synodale Prozesse.
5.3 Lernen voneinander
- Katholiken können von der Orthodoxie lernen, wie Synodalität konkret gelebt wird – etwa in den starken regionalen Strukturen der Metropoliten.
- Orthodoxe können anerkennen, dass ein universaler Primat helfen kann, Spaltungen zu überwinden und weltweite Einheit zu gewährleisten.
6. Eucharistische Grundlage
Das gemeinsame Fundament bleibt die Eucharistie. Die Kirche ist ein Netz von Eucharistiegemeinschaften. Sie braucht daher synodale Beratung auf allen Ebenen – und zugleich einen Dienst der Einheit, der verhindert, dass „ein Altar gegen einen anderen“ gestellt wird.
Der Primat des Bischofs von Rom wird von katholischer Seite nicht als Machtanspruch verstanden, sondern als eucharistischer Dienst: Einheit in Liebe zu sichern. Orthodoxe Theologen wie Metropolit John Zizioulas haben betont, dass Synodalität und Primat aus derselben Quelle gespeist werden: der Eucharistie.
7. Chancen und Herausforderungen heute
Das Jubiläum des Konzils von Nizäa 2025 – 1700 Jahre nach der Formulierung des Bekenntnisses von der „Wesensgleichheit“ Christi mit dem Vater – wird eine große ökumenische Gelegenheit sein. Damals war die Christenheit noch ungeteilt; heute könnte ein gemeinsames Gedenken das Bewusstsein für das Verbindende stärken.
Doch es gibt auch Stolpersteine:
- Innerorthodoxe Spannungen, etwa zwischen Moskau und Konstantinopel.
- Antiökumenische Strömungen, die den Dialog ablehnen.
- Unterschiedliche Rezeption: Viele Gläubige (Bischöfe bis Laien) in West und Ost kennen die erarbeiteten Dialog-Texte überhaupt nicht.
Gerade deshalb ist notwendig, die Dokumente stärker bekannt zu machen – in Gemeinden, Seminaren, Fakultäten und Bischofskonferenzen, - Synoden.
8. Schluss: Ein realistischer Weg
Synodalität und Primat – das klingt nach abstrakter Theologie. Tatsächlich geht es um die konkrete Gestalt der Kirche. Im ersten Jahrtausend wurden beide Dimensionen gemeinsam gelebt. Im zweiten Jahrtausend führte ihre Entfremdung zur Spaltung.
Für das dritte Jahrtausend gilt: Nur durch die erneute Verbindung von Synodalität und Primat wird Einheit möglich. Das bedeutet:
- Synodale Prozesse stärken – auf allen Ebenen.
- Primat als Dienst an der Einheit neu deuten.
- Ökumene als geistliches Hören leben, nicht nur als diplomatische Verhandlungen.
Oder mit den Worten von Patriarch Theodoros II. aus Alexandria: Dieses Dokument ist „ein leuchtendes Beispiel gutwilliger Absicht und brüderlicher Zusammenarbeit“ – und eine Ermutigung, dass Einheit nicht Utopie bleibt, sondern ein realistisches Ziel für das dritte Jahrtausend ist.
II. Rom meint es ernst – Ökumene zwischen Ost und West im dritten Jahrtausend
1. Einleitung: Ein Ziel, das bleibt
„Die Wiederherstellung der vollen Gemeinschaft zwischen den Christen des Ostens und des Westens ist unerschütterliche Absicht der katholischen Kirche.“ – Mit diesen Worten wandte sich Papst Franziskus 2019 zum Andreasfest an den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. in Konstantinopel.
Es war kein diplomatisches Ritual, sondern ein Bekenntnis. Rom meint es ernst. Schritt für Schritt – manchmal verborgen, oft mühsam – wird der ökumenische Weg fortgesetzt. Orthodoxe Spannungen stören ihn immer wieder, doch die Richtung bleibt klar: Einheit ist kein nostalgischer Traum, sondern Auftrag Christi.
2. Ernsthaftigkeit Roms: Kontinuität seit dem Konzil
Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–65) zieht sich der Einsatz für die Einheit wie ein roter Faden durch die Pontifikate:
- Johannes Paul II. fragte 1979 in Konstantinopel: „Haben wir das Recht, getrennt zu bleiben?“
- Benedikt XVI. interpretierte den Primat als „Dienst der Liebe“.
- Franziskus betont konkrete Schritte: „Miteinander auf dem Weg sein, miteinander beten, miteinander dienen.“
- Leo XIV. schließlich öffnet eine geistliche Dimension, die Synodalität, Liturgie und Umkehr in den Mittelpunkt stellt.
Kardinal Kurt Koch, Präsident des Einheits-Dikasteriums, fasst zusammen: „Alle Päpste seit dem Konzil haben ein offenes Herz für den ökumenischen Dialog. Verschieden sind nur die Akzente.“
3. Begegnungen und Gesten: Nähe trotz Trennung
Beim Andreasfest 2019 nahm eine vatikanische Delegation unter Leitung von Kardinal Koch am Festgottesdienst in der Georgskathedrale teil. Neben Patriarch Bartholomaios waren auch Patriarch Theodoros II. von Alexandrien und Vertreter der jungen Orthodoxen Kirche der Ukraine anwesend.
Franziskus betonte: Einheit wächst nicht allein durch Theologie, sondern durch „authentische Gesten des Respekts und der Wertschätzung“. Reliquiengaben, gemeinsame Gebete und persönliche Begegnungen sind Bausteine des Weges.
Papst Leo XIV. vertieft diese Haltung: Für ihn ist es nicht diplomatische Höflichkeit, sondern geistliche Freundschaft, die trägt. Seine Begegnungen mit Patriarchen und Mönchen sind geprägt von gegenseitiger Achtung, nicht von taktischer Rhetorik.
4. Orthodoxe Spannungen: Störfeuer auf dem Weg
4.1 Die Ukraine-Frage
Die Autokephalie der Orthodoxen Kirche der Ukraine (2019) hat die Orthodoxie gespalten: Konstantinopel, Alexandrien und Zypern erkennen sie an; Moskau lehnt sie ab. Rom hält sich zurück: „Wir dürfen uns nicht in innerorthodoxe Konflikte einmischen“, so Kardinal Koch. Neutralität heißt aber nicht Indifferenz.
4.2 Nationalismus und Machtansprüche
Die Orthodoxie leidet unter nationalen Interessen. In der Diaspora bestehen parallele Strukturen nach ethnischen Linien. Besonders Moskau wird vorgeworfen, zu staatsnah und konfrontativ zu agieren.
4.3 Anti-Ökumenismus
In einigen orthodoxen Kirchen – etwa in Georgien – ist der Widerstand gegen den Dialog stark. Für sie gibt es keine „Wiederherstellung der Einheit“, da die Kirche nie gespalten gewesen sei.
5. Roms Haltung: Klar und demütig
Franziskus betont vorsichtig:
- „Die gleichen Vorrechte des Bischofs von Rom in seiner Diözese und Kirche können nicht auf die orthodoxen Kirchen ausgedehnt werden.“
- Einheit muss aus „der untrennbaren Beziehung zwischen Primat und Synodalität“ erwachsen.
Hier setzt Leo XIV. an:
- Für ihn ist Synodalität der Schlüssel zur Verständigung. Nicht als Konzessionsangebot, sondern als theologische Brücke, die Ost und West zusammenführt.
6. Eucharistie: Das Ziel der Einheit
Die Wunde bleibt: keine gemeinsame Eucharistie. Doch darin verwirklicht sich Kirche. Einheit kann nicht durch Verträge erreicht werden, sondern nur am gemeinsamen Tisch.
Leo XIV. hebt hervor: Die Eucharistie ist nicht nur Ziel, sondern auch Kraftquelle des Weges. In der Feier des Mysteriums erkennen Ost und West die Gegenwart des Unaussprechlichen – durch Schönheit, Gebet und liturgische Tiefe.
7. Märtyrer als ökumenische Lehrer
Franziskus erinnert an die „Ökumene der Märtyrer“: In Syrien, Irak oder Libyen werden Christen nicht nach Konfession unterschieden, sondern wegen ihres Glaubens an Christus verfolgt. „Das Blut eint uns.“
Leo XIV. teilt diese Sicht: Märtyrer sind die eigentlichen Wegbereiter der Einheit. Ihre stille Zeugenschaft steht über allen diplomatischen Differenzen.
8. Papst Leo XIV.: Ökumene in geistlicher Vertiefung
8.1 Synodalität als Brückenprinzip
Synodalität ist für Leo XIV. nicht nur Struktur, sondern geistliche Kategorie mit ökumenischer Tragweite. Sie verbindet sich mit der orthodoxen Tradition von Konziliarität und liturgischer Theozentrik.
8.2 Die Liturgie des Ostens als Quelle
Die byzantinische Liturgie ist für Leo XIV. nicht exotisch, sondern eine spirituelle Ressource für die ganze Kirche. In Wort, Ikone, Klang und Mysterium erkennt er eine Schule des Gebets.
8.3 Spirituelle Freundschaft statt Diplomatie
Leo XIV. setzt auf geistliche Freundschaft mit Patriarchen, Mönchsgemeinschaften und Theologen – weniger auf Verhandlungsrhetorik.
8.4 Einheit als synodale Polyphonie
Einheit bedeutet für ihn nicht Uniformität, sondern synodale Polyphonie: Ost und West bringen ihre Gaben ein – die Konziliarität des Ostens und das Petrusamt des Westens.
8.5 „Zurück nach Jerusalem“ – Mahnung zur Umkehr
Für Leo XIV. stehen Rom und Konstantinopel heute am Anfang eines neuen Abschnitts. Das Licht von Jerusalem 1964 – der historische Handschlag zwischen Paul VI. und Athenagoras – leuchtet weiter und ruft zur geistlichen Einheit.
In einer Ansprache vom 17. Juli 2025 mahnte er: „Rom, Konstantinopel und alle anderen Bischofssitze sind nicht dazu berufen, um den Vorrang zu wetteifern.“ Andernfalls würden sie wie die Jünger handeln, die selbst angesichts von Jesu Leidensankündigung darüber stritten, „wer der Größte sei“.
Stattdessen ruft er zur Rückkehr nach Jerusalem, zur Stadt des Friedens, wo Petrus, Andreas und die übrigen Apostel zu Pfingsten den Heiligen Geist empfingen und von dort Christus bis an die Enden der Erde verkündeten.
9. Schluss: Kirche als Raum des Hörens und Feierns
Im Zusammenspiel von Franziskus und Leo XIV. zeigt sich ein geistlicher Weg: Die Kirche ist Raum des Hörens, Feierns, Sendens und Versöhnens.
Eine Kirche, die synodal hört und liturgisch feiert, wird fähig, ökumenisch zu versöhnen. Einheit ist nicht menschliche Übereinkunft, sondern Frucht des Geistes.
So zeigen Franziskus und Leo XIV.: Der Weg zur Einheit führt nicht über Macht, sondern über Liebe, nicht über Diplomatie, sondern über geistliche Tiefe – und er beginnt immer neu „in Jerusalem“, in der Kraft des Geistes.
Autor
Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer ist Theologe mit Schwerpunkt auf ökumenischer Theologie, Ostkirchenkunde und ostkirchlicher Liturgie. Er studierte in Eichstätt, Jerusalem und Rom, war in verschiedenen Dialogkommissionen tätig, Konsultor der Ostkirchenkongregation in Rom, Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt und veröffentlicht regelmäßig zu Fragen der Ostkirchen-Theologie, der Liturgie der Ostkirchen und des Frühen Mönchtums.
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Italienische Übersetzung
Ecumenismo nel Terzo Millennio
La sinodalità, il primato e la serietà di Roma nel dialogo con l’Ortodossia
di Archimandrita Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer
I. Sinodalità e primato – lezioni dal primo millennio e prospettive per il terzo
1. Una nuova tappa nel dialogo
All’inizio di giugno 2023 Alessandria è stata teatro di una tappa ecumenica di grande rilievo: la “Commissione mista internazionale per il dialogo teologico tra la Chiesa cattolica romana e la Chiesa ortodossa” ha approvato il documento di consenso “Sinodalità e primato nel secondo millennio e oggi”.
Il testo ripercorre gli sviluppi storici e mette in luce come sinodalità e primato si siano evoluti in modo differente in Oriente e in Occidente – e tuttavia restino inscindibilmente legati. È una questione decisiva per il futuro del cristianesimo: come vivere nella Chiesa guida e comunione, unità e diversità, autorità e corresponsabilità, in modo conforme al Vangelo e capace di sanare le divisioni del passato?
2. Ritorno alle radici: il primo millennio
La chiave sta nelle esperienze comuni della Chiesa antica, come già indicava il precedente documento di Chieti del 2016: “Sinodalità e primato nel primo millennio”.
2.1 La Chiesa come Communio
I cristiani dei primi secoli intesero la Chiesa come koinonia, comunione che riflette la vita della Santissima Trinità. In ogni Chiesa locale, radunata attorno al proprio vescovo, questa unità si esprimeva concretamente: nella liturgia, nell’Eucaristia e nella vita quotidiana della fede.
2.2 Sinodalità – camminare insieme
«Chiesa significa sinodo», affermava san Giovanni Crisostomo. Intendeva dire che la vita ecclesiale si fonda sul consiglio, sul confronto, sull’ascolto reciproco e sull’ascolto dello Spirito Santo. I sinodi non erano eventi straordinari, bensì una forma ordinaria di governo ecclesiale: dalle diocesi alle assemblee episcopali regionali fino ai concili ecumenici.
2.3 Il primato – servizio, non dominio
Parallelamente si riconosceva sempre un “primo”: nella Chiesa locale il vescovo, nella regione il metropolita, a livello universale il vescovo di Roma. Ma tale primato non era esercizio di dominio dall’alto, bensì servizio all’unità. Lo stesso Signore aveva insegnato: «Chi vuol essere il primo, sia il servo di tutti» (Mc 9,35).
2.4 Oriente e Occidente in comunione
Tra IV e VII secolo si consolidò l’ordine dei cinque Patriarcati: Roma, Costantinopoli, Alessandria, Antiochia e Gerusalemme. Roma godeva del primato d’onore, ma lo interpretava sempre più come ministero petrino. Le Chiese orientali restavano ancorate alla prassi sinodale. Malgrado tensioni, la communio tra Oriente e Occidente perdurò fino all’XI secolo – offrendo oggi un modello prezioso.
3. La frattura del secondo millennio
Il secondo millennio portò la grande separazione. Differenze teologiche, rivalità politiche e reciproci fraintendimenti condussero alla distanza tra cattolici e ortodossi.
In Occidente si sviluppò una concezione più giurisdizionalista del papato; in Oriente si affermava che nessun vescovo potesse stare da solo al di sopra degli altri.
Il documento di Alessandria sottolinea che entrambi gli estremi sono insostenibili: la Chiesa non è né una “piramide” assoluta sotto un papa monarca, né una confederazione sciolta di Chiese indipendenti. Sinodalità e primato sono realtà «complementari e inseparabili».
4. Dialogo nonostante gli ostacoli
Il lavoro sul documento fu lungo: iniziato nel 2018 da una sottocommissione, rallentato dalla pandemia, approdò solo nel 2023 ad Alessandria alla redazione definitiva.
Non tutte le Chiese ortodosse vi presero parte (ad es. Mosca e Antiochia erano assenti). Alcune, come la Chiesa georgiana, sollevarono obiezioni di principio: se l’Ortodossia è la vera Chiesa, perché cercare l’unità?
Eppure il clima ad Alessandria fu sorprendentemente positivo. Il patriarca Teodoro II parlò di «dialogo benedetto» in un tempo di divisioni globali. Altri Patriarcati lodarono la chiarezza del testo e il richiamo a tradizioni quasi dimenticate di unità.
5. Il terzo millennio: passi necessari
Quale futuro? Papa Francesco ha dato una risposta chiara: «La sinodalità è ciò che Dio si attende dalla Chiesa del terzo millennio». E papa Leone XIV si colloca con forza in questa stessa linea teologica.
5.1 Sinodalità – più che consultazione
La sinodalità non è un dibattito parlamentare, ma ascolto comune dello Spirito Santo. Francesco ribadisce: «Il Sinodo non è un parlamento, ma un evento spirituale».
5.2 Primato – più che primato d’onore
Anche gli ortodossi riconoscono che un mero primato d’onore non basta. La Chiesa universale necessita di un ministero di unità che superi la dimensione puramente simbolica. Il Papa può assumere tale ruolo, ma come «vescovo tra i vescovi», inserito in processi sinodali.
5.3 Apprendere gli uni dagli altri
- I cattolici possono apprendere dall’Ortodossia la prassi concreta della sinodalità, visibile nelle forti strutture metropolitane.
- Gli ortodossi possono riconoscere che un primato universale può aiutare a superare divisioni e a garantire l’unità globale.
6. Fondamento eucaristico
Il fondamento comune resta l’Eucaristia. La Chiesa è rete di comunità eucaristiche; perciò necessita sia di sinodi a tutti i livelli sia di un ministero di unità che eviti «un altare contro un altro».
Il primato del vescovo di Roma non va inteso dai cattolici come pretesa di potere, ma come ministero eucaristico: custodire l’unità nella carità. Anche teologi ortodossi come il metropolita John Zizioulas hanno ribadito che sinodalità e primato hanno la stessa radice: l’Eucaristia.
7. Opportunità e sfide odierne
Il 1700° anniversario del Concilio di Nicea (325–2025) sarà grande occasione ecumenica. Allora la Chiesa era ancora indivisa; oggi una memoria comune può rafforzare la coscienza di ciò che unisce.
Ma non mancano ostacoli:
- tensioni intra-ortodosse (ad es. Mosca–Costantinopoli);
- correnti anti-ecumeniche;
- scarsa recezione dei testi tra i fedeli.
Per questo è urgente diffondere i documenti nelle parrocchie, nei seminari, nelle conferenze episcopali.
8. Conclusione: un cammino realistico
Sinodalità e primato non sono astrazioni teologiche, ma la forma concreta della Chiesa. Nel primo millennio furono vissuti insieme; nel secondo la loro separazione portò alla divisione.
Per il terzo millennio vale: solo ricongiungendo sinodalità e primato sarà possibile l’unità.
Come disse il patriarca Teodoro II ad Alessandria, questo documento è «un fulgido esempio di buona volontà e collaborazione fraterna» – e un incoraggiamento a credere che l’unità non è utopia, ma un obiettivo realistico per il terzo millennio.
II. Roma è seria – l’ecumenismo tra Oriente e Occidente nel terzo millennio
1. Introduzione: una meta che rimane
«Il ristabilimento della piena comunione tra i cristiani d’Oriente e d’Occidente è intento incrollabile della Chiesa cattolica». Con queste parole papa Francesco, nella festa di sant’Andrea 2019, si rivolse al Patriarca ecumenico Bartolomeo I.
Non fu rito diplomatico, ma professione di fede: Roma fa sul serio.
2. La serietà di Roma: continuità dal Concilio
Dal Vaticano II in poi l’impegno per l’unità attraversa i pontificati:
- Giovanni Paolo II chiese a Costantinopoli (1979): «Abbiamo il diritto di rimanere divisi?»
- Benedetto XVI interpretò il primato come «servizio dell’amore».
- Francesco insiste su gesti concreti: «Camminare insieme, pregare insieme, servire insieme».
- Leone XIV pone al centro sinodalità, liturgia e conversione.
3. Incontri e gesti: vicinanza nella separazione
Delegazioni vaticane partecipano regolarmente alle celebrazioni ortodosse (es. festa di sant’Andrea 2019 a Costantinopoli). Francesco ricorda che l’unità cresce non solo con la teologia, ma anche con «gesti autentici di rispetto e stima».
Leone XIV insiste: non è cortesia diplomatica, ma amicizia spirituale.
4. Le tensioni ortodosse
- La questione ucraina (autocefalia del 2019) ha diviso l’Ortodossia. Roma mantiene prudente neutralità.
- Nazionalismi e pretese di potere gravano sul cammino.
- Correnti anti-ecumeniche rifiutano ogni dialogo.
5. L’atteggiamento di Roma: chiaro e umile
Francesco afferma che i privilegi del vescovo di Roma non si possono estendere automaticamente alle Chiese ortodosse, e che l’unità deve scaturire dal rapporto inscindibile tra primato e sinodalità.
Leone XIV aggiunge: la sinodalità è chiave di convergenza, non concessione.
6. L’Eucaristia: meta dell’unità
La ferita rimane: la mancanza di comunione eucaristica. Ma l’unità può realizzarsi solo attorno alla stessa mensa. Leone XIV sottolinea: l’Eucaristia è sia meta che fonte del cammino.
7. I martiri come maestri di ecumenismo
Francesco parla dell’«ecumenismo dei martiri»: in Medio Oriente i cristiani sono perseguitati non per la loro confessione, ma per il nome di Cristo. «Il sangue ci unisce». Leone XIV concorda: i martiri sono i veri pionieri dell’unità.
8. Papa Leone XIV: un’ecumene di profondità spirituale
- Sinodalità come ponte: categoria spirituale con valore ecumenico.
- Liturgia orientale come fonte: scuola di preghiera per tutta la Chiesa.
- Amicizia spirituale anziché diplomazia.
- Unità come polifonia sinodale: il contributo dell’Oriente e dell’Occidente.
- Ritorno a Gerusalemme: richiamo alla conversione e alla pace.
9. Conclusione: Chiesa come spazio di ascolto e di festa
Nel magistero di Francesco e Leone XIV emerge un cammino spirituale: la Chiesa come spazio di ascolto, di celebrazione e di riconciliazione.
L’unità non nasce dal potere, ma dall’amore; non dalla diplomazia, ma dalla profondità spirituale. Sempre a partire da Gerusalemme, dalla forza dello Spirito.
Autore
L’archimandrita Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer, teologo specializzato in teologia ecumenica, studi delle Chiese orientali e liturgia orientale, ha studiato a Eichstätt, Gerusalemme e Roma. È stato membro di varie commissioni di dialogo, consultore della Congregazione per le Chiese Orientali a Roma, fondatore e primo rettore del Collegium Orientale di Eichstätt, e pubblica regolarmente su tematiche di teologia orientale, liturgia e monachesimo antico.
Mit den beiden Lungenflügeln atmen, singen und beten
Evangelium und Credo in Latein und Griechisch in der päpstlichen Liturgie
Historischer Befund, theologische Bedeutung und ökumenische Perspektive
Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer
01. Einleitung
„Mit den beiden Lungenflügeln atmen“ (lat. duabus pulmonis alis respirare). Dieser Ausdruck stammt aus dem lehramtlichen Sprachgebrauch von Papst Johannes Paul II. und bezeichnet die komplementäre Einheit von Ost- und Westkirche. Der Papst bezieht sich damit auf ein Grundmotiv seiner gesamten ökumenischen und kirchlichen Vision: Die Kirche Christi lebt und verwirklicht ihre Fülle nur dann, wenn sie mit beiden Traditionen, der lateinischen und der byzantinisch-orientalischen, harmonisch „atmet“ – theologisch, liturgisch, spirituell und kirchenrechtlich. Er verwendet diese Wendung u. a. in der Enzyklika Slavorum Apostoli (1985), in der Ökumenismus-Enzyklika Ut unum sint (1995), besonders im Blick auf die wiederzuentdeckende Bedeutung der Ostkirchen, sowie in zahlreichen Ansprachen an orientalische Patriarchen, Bischöfe und Gemeinschaften.
Diese Metapher verdeutlicht für Ost und West:
- Gleichwertigkeit: Beide kirchliche Traditionen tragen wesentliche Elemente zur katholischen Fülle bei.
- Reziprozität: Ost und West können nicht voneinander isoliert bestehen; beide sind aufeinander verwiesen.
- Heilsgeschichtliche Weite: Die eine Kirche Christi ist pluriform, nicht uniform; die Einheit ist synodale, pneumatische und vielgestaltige Communio.
- Ökumenisches Programm: Versöhnung, gegenseitige Anerkennung und Wertschätzung sollen die getrennten Traditionen wieder zu einer „sym-phonischen“ Einheit führen.
Die Klanggestalt der Einheit
Die Frage nach der zweisprachigen Verkündigung des Evangeliums und des Credo in der Papstliturgie berührt nicht nur liturgiehistorische Details, sondern das Herz des katholischen Selbstverständnisses: Wie wird die Einheit der Kirche in ihrer legitimen Vielfalt sichtbar und hörbar?
Die römische Liturgie ist – entgegen mancher modernen Gewohnheit – ihrem Ursprung nach nicht einsprachig. Frühchristliche Zeugnisse lassen erkennen, dass die Liturgie in Rom zunächst auf Griechisch gefeiert wurde und erst allmählich in einen lateinisch geprägten Ritus überging.¹ Zugleich entwickelte sich im Mittelalter die Vorstellung von den tres linguae sacrae – Hebräisch, Griechisch und Latein – als heilige Sprachen der Offenbarung.²
Gerade heute, in einer ökumenisch sensiblen Situation, in der die katholische Kirche bewusst den „Dialog der Liebe“ und den „Dialog der Wahrheit“ mit den orthodoxen Kirchen sucht, gewinnt so ein konkretes, sicht- und hörbares Zeichen besondere Bedeutung: die zweifache Proklamation des Evangeliums durch einen lateinischen und einen griechischen Diakon sowie der Gesang des Credo in Latein und Griechisch – wobei das filioque in der lateinischen, nicht aber in der griechischen Fassung erscheint.
Ziel dieses kleinen Aufsatzes ist es, auf der Basis der historischen Quellen und der lehramtlichen Entwicklungen zu zeigen, dass die Wiederaufnahme dieses alten Ritus – Evangelium und Credo in Latein und Griechisch – heute ein besonders sprechendes ökumenisches Zeichen wäre, das es verstärkt wieder zu verwenden gilt.
I. Historischer Befund: Rom als zweisprachiger Liturgieort
1. Griechische Ursprünge und lateinische Integration
Die ältesten Spuren der römischen Eucharistiefeier bestätigen, dass die erste Kultsprache der Gemeinde von Rom Griechisch war.¹ Die römische Gemeinde entstand aus Immigranten aus dem Osten, Kleinasien und Ägypten – Syrern, Griechen, Kopten, Judenchristen –, die in der Weltsprache der frühchristlichen Ökumene beteten und das Evangelium verkündeten.¹
Der Bischof von Rom verwendete in den ersten Jahrhunderten dieselbe Sprache wie seine Gläubigen. Viele frühchristliche Märtyrerakten – etwa jene des hl. Clemens oder des Ignatius von Antiochien, des Origenes und des hl. Athanasius – sind noch in griechischer Sprache abgefasst.¹ Erst im 3./4. Jahrhundert setzte sich im römischen Alltag das Lateinische durch; dieser Wandel spiegelte sich auch in der Liturgie, jedoch nicht als plötzlicher Bruch, sondern als organische Integration. Jungmann weist darauf hin, dass griechische Akklamationen – allen voran das Κύριε ἐλέησον – als fester Bestandteil im lateinischen Ordo Missae bewahrt blieben.¹
Hinzu kommt, dass nicht nur einzelne Akklamationen, sondern ganze Gebetsstrukturen der römischen Eucharistie griechischen Ursprungs sind. Die Traditio Apostolica, die als repräsentatives Zeugnis der römischen Liturgie um 215 gilt, überliefert ein Eucharistiegebet, das in Aufbau, Vokabular und theologischer Akzentuierung eine deutlich griechische Matrix erkennen lässt.¹ Auch große Teile des römischen Canon Missae bewahren – trotz ihrer späteren lateinischen Textgestalt – griechische Syntax, Terminologie und Anaphorastruktur.¹
Die Einführung des Lateinischen bedeutete daher keine Ablösung einer griechischen Liturgie, sondern eine doppelsprachige Übergangsphase, in der griechische und lateinische Fassungen parallel existierten und liturgisch kooperierten.¹ Die Liturgiegeschichte spricht deshalb nicht von einer „Verdrängung“, sondern von einer Einfügung des Lateinischen in eine ursprünglich griechische Struktur bei gleichzeitiger Bewahrung griechischer Schichten.¹
2. Die tres linguae sacrae – Hebräisch, Griechisch, Latein
Im mittelalterlichen Denken verdichtete sich die Erfahrung der Mehrsprachigkeit zur Theorie der tres linguae sacrae: Hebräisch, Griechisch und Latein als die drei Sprachen der Kreuzinschrift (Joh 19,20).² Die patristische und mittelalterliche Exegese, etwa bei Hilarius von Poitiers, spricht von einer „dreifachen Sprache des Heils“ (triplex lingua salutis).²
Konkret bedeutete dies für die römische Liturgie:
- Latein als Hauptsprache der Texte,
- Griechisch als ehrwürdige Sprache wichtiger Akklamationen und Gesänge,
- hebräische Worte wie Amen, Alleluia, Hosanna als biblische Residuen.
In der konkreten Feier standen hebräische (bzw. aramäische, syrische), griechische und lateinische Elemente oft unmittelbar nebeneinander: hebräische Akklamationen wurden von griechischen Dialogformeln (Κύριος μετὰ πάντων – Καὶ μετὰ τοῦ πνεύματός σου) und einem lateinischen Kanon umrahmt, der seinerseits eine griechisch geprägte Struktur erkennen lässt.² Mehrsprachigkeit war somit kein zufälliges Beiwerk, sondern Ausdruck einer heilsgeschichtlichen Kontinuität von Israel über die griechischsprachige Mission bis zur lateinischen Weltkirche.²
3. Die „Schola Graeca“ und der bilinguale Hofklerus
Seit dem 6./7. Jahrhundert belegen Quellen die Existenz einer „Schola Graeca“ in Rom: griechische Mönche, Flüchtlinge aus dem Osten, verstärkt durch die Kämpfe im Bilderstreit (Ikonoklasmus), und süditalienisch-byzantinische Kleriker siedelten sich insbesondere in Trastevere und auf dem Aventin an.³ Diese Gruppen gründeten eigene Klöster und Titelkirchen mit griechischem Ritus – unter päpstlicher Jurisdiktion, aber mit eigener Sprache und Liturgie.³
Der Liber Pontificalis erwähnt für mehrere Päpste griechische Diakone und Subdiakone in Diensten der römischen Kurie; Chavasse beschreibt diese griechische Hofkapelle als strukturell eigenständige, aber eng mit der lateinischen Kapelle verbundene Einheit.⁴
In der Praxis führte dies zu einer doppelten liturgischen Struktur: Bei feierlichen Papstmessen treten regelmäßig ein lateinischer (Kardinal-)Diakon und ein griechischer Diakon auf, die beide am Ambo das Evangelium verkünden – zuerst auf Latein, dann auf Griechisch.⁴
Neuere Forschungen machen deutlich, dass sich diese institutionalisierte Zweisprachigkeit nicht nur auf die Evangelienverkündigung beschränkte. In Papstmessen waren auch Litaneien, bestimmte diakonale Ausrufe, Teile des Präfationsdialogs und wohl auch Segens- und Friedensformeln von einer bewussten Rollenverteilung zwischen diaconus latinus und diaconus graecus geprägt.⁴⁵ Damit erscheint Rom nicht nur als Ort zweier parallel existierender Riten, sondern als liturgischer Raum, in dem Ost und West innerhalb derselben Feier sichtbar zusammenwirken.⁴⁵
4. Die Ordines Romani: normierte Zweisprachigkeit
Die wichtigste Quelle für Aufbau und Ablauf der Papstliturgie sind die Ordines Romani, die Michel Andrieu in kritischer Edition vorgelegt hat.⁵
Besondere Bedeutung kommt dem Ordo Romanus XIV (8. Jh.) zu. In Kapitel XVII findet sich die programmatische Rubrik: „De Epistola Latina et Graeca, et Evangelio Latino et Graeco cantandis super pulpitum…“⁵ Damit ist belegt: In der feierlichen Missa papalis sind die zweifache Epistellesung und die zweifache Evangelienproklamation kein schmückendes Beiwerk, sondern Bestandteil der normativen Ordnung. Vogel weist darauf hin, dass die Handschriften ausdrücklich zwischen diaconus latinus und diaconus graecus unterscheiden und so eine institutionalisierte Zweisprachigkeit im Dienstamt dokumentieren.⁵
Zugleich zeigen andere Ordines – insbesondere OR I und OR XI –, dass diese Zweisprachigkeit nicht auf den Bereich der Lesungen beschränkt war, sondern in Prozessionen, Akklamationen und bestimmten Gebetsdialogen strukturell verankert war.⁵ ⁸ Die römische Papstliturgie des Früh- und Hochmittelalters ist damit strukturell bilingual: Latein und Griechisch treten am Ambo in einen geordneten liturgischen Dialog.⁵
5. Neuzeitliche Kontinuität
Auch nach dem sogenannten „Schisma von 1054“ blieb die Mitwirkung eines griechischen Diakons bemerkenswert stabil. Das Caeremoniale Romanum Burchards von Straßburg (15. Jh.) und das Caeremoniale Episcoporum (1600) nennen den griechischen Diakon weiterhin als Teil der päpstlichen Zeremonien.⁶
Tagebuchnotizen aus der Zeit Leos XIII. (Pontifikat 1878–1903) vermerken bei päpstlichen Hochämtern: „Semper in Pontificali Missa Pontificis Maximi Diaconus Graecus Evangelium Graece cantat.“⁶ Erst im Zuge der liturgischen Vereinfachungen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde diese zweisprachige Verkündigung als generelle Rubrik aufgegeben und nur noch punktuell als ökumenisches Zeichen verwendet,⁶ was sehr schade ist. Gerade dieser Bruch macht heute nötig, die Tradition nicht einfach zu restaurieren, sondern bewusst wieder als ökumenisches Symbol zu wählen.
II. Liturgischer Vollzug: Evangelium und Credo in zwei Sprachen
1. Dramaturgie der Evangelienverkündigung
Der Ordo Romanus I und der Ordo Romanus XIV schildern die Papstmesse als komplexen Ablauf von Prozessionen, Gesängen und symbolischen Handlungen.⁵ Am Ambo, dem Ort der Verkündigung, vollzieht sich die doppelte Evangelien-Proklamation:
1. Lateinisch: Der (Kardinal-)Diakon, umgeben von sieben Akolythen mit Lichtern und Rauchfass, singt das Evangelium in lateinischer Sprache nach römischer Melodie.
2. Griechisch: Es folgt der griechische Diakon, in byzantinischer Gewandung (Sticharion, Orarion), begleitet von eigenen Altardienern (Hypodiakone), der denselben Text in griechischer Sprache nach östlicher Melodie singt.⁷
Die byzantinische Diakonstola (Orarion) und die oft prächtig gestalteten griechischen Evangeliare machen die zweifache Tradition auch visuell erfahrbar.⁷
2. Das Credo in Latein und Griechisch
Der Ordo Romanus XI (Cod. Wissembourg 91) überliefert das Nicäno-Konstantinopolitanum in einer bemerkenswerten Doppelfassung: griechischer Text (teilweise in lateinischer Umschrift) und lateinischer Text stehen parallel nebeneinander – beide ohne filioque.⁸
Die Handschrift zeigt, dass die römische Liturgie das Credo sowohl lateinisch als auch griechisch verwenden konnte. Westwell weist darauf hin, dass die griechische Fassung in Rom bewusst an der konziliaren Urgestalt festhielt, insbesondere dort, wo griechische Kleriker beteiligt waren.⁸
Die mittelalterliche Papstmesse kennt zumindest analog dazu die Möglichkeit, das Credo nacheinander in beiden Sprachen zu singen: zuerst Latein, dann Griechisch.⁸ Damit wird hörbar, was die Ekklesiologie später theologisch formuliert: Einheit des Glaubens bei legitimer Verschiedenheit der Ausdrucksweisen.⁸
3. Theologische Deutung: Pfingsten und Katholizität
Die zweifache Verkündigung von Evangelium und Credo ist mehr als ein zeremonielles Detail. Sie inszeniert liturgisch eine Pfingst-Ekklesiologie: Das eine Wort Gottes wird in verschiedenen Sprachen verkündet, bleibt aber als eine Botschaft verständlich.⁹
Fiedrowicz deutet die Mehrsprachigkeit der Kirche im Anschluss an Pfingsten als Zeichen für eine Einheit, die nicht durch Uniformität, sondern durch gegenseitige Verständlichkeit in Vielfalt konstituiert ist.⁹ Joseph Ratzinger spricht in diesem Zusammenhang von der liturgischen „Form des Glaubens“, in der sich die Katholizität der Kirche ausdrückt; Hugo Rahner hebt hervor, dass liturgische Zeichen „komprimierte Ekklesiologie“ sind.⁹ Johannes Paul II. hat diese Intuition mit der Formel von den „zwei Lungenflügeln“ (Ost und West) verdichtet.⁹
Die zweifache Proklamation von Evangelium und Credo in der Papstmesse ist damit eine „klingende Ekklesiologie“: Im konkreten Vollzug wird hör- und sichtbar, dass die Kirche eine ist – aber nicht einsprachig.
III. Das griechische Credo ohne filioque – Text, Geschichte, Theologie
1. Der ursprüngliche Konzilstext
Das Konzil von Konstantinopel (381) formuliert im dritten Artikel des Glaubensbekenntnisses den Heiligen Geist als „den Herrn und Lebensspender, der aus dem Vater hervorgeht“ (τὸ ἐκ τοῦ Πατρὸς ἐκπορευόμενον).¹⁰ Der Zusatz filioque fehlt im griechischen Original vollständig.¹⁰
Erst in der westlichen Rezeption – besonders im hispanischen Raum – wurde der Zusatz „und vom Sohn“ eingefügt, um eine anti-arianische Akzentuierung der vollen Gottheit von Sohn und Geist zu ermöglichen.¹⁰ Rom übernahm diesen Zusatz spät und zögernd; liturgiegeschichtliche Zeugnisse legen nahe, dass in der römischen Liturgie das Credo über längere Zeit ohne filioque gesungen wurde.¹⁰
2. Römische Praxis: Latein mit filioque, Griechisch ohne
Die Handschrift des Ordo Romanus XI zeigt, dass in Rom die griechische Fassung des Credo der konziliaren Form von 381 entspricht – also ohne filioque –, während die lateinische Fassung später den Zusatz integrierte.⁸ Damit ergibt sich eine feine Unterscheidung:
- In der lateinischen Liturgieform wird – in Kontinuität mit der westlichen Tradition – qui ex Patre Filioque procedit gesprochen oder gesungen.
- In der griechischen Fassung wird der ursprüngliche Text τὸ ἐκ τοῦ Πατρὸς ἐκπορευόμενον beibehalten.
Die moderne Dogmengeschichte hat herausgearbeitet, dass sich hier keine zwei unterschiedlichen Glaubensbekenntnisse gegenüberstehen, sondern zwei Sprachlogiken: Das griechische ἐκπορεύεσθαι bezeichnet den Ursprung des Geistes allein aus dem Vater, das lateinische procedere hat eine größere semantische Breite und kann auch die Sendung „durch den Sohn“ mit einschließen.¹⁰
3. Lehramtliche Klärung (1995)
Das Dokument des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen The Greek and the Latin Traditions Regarding the Procession of the Holy Spirit (1995) hat diese Einsicht offiziell rezipiert.¹¹
Es stellt fest, dass die beiden Formulierungen – mit und ohne filioque – bei richtiger Deutung keinen Widerspruch bilden, sondern unterschiedliche Akzentsetzungen innerhalb desselben Mysteriums. Gleichzeitig wird ausdrücklich festgelegt, dass dort, wo die griechische Sprache verwendet wird, die Formel des Konzils von Konstantinopel (381) ohne filioque zu gebrauchen ist,¹¹ so z.B. bei den unierten Ostkirchen.
Damit wird die liturgische Praxis, in gemeinsamen Feiern mit der Orthodoxie das griechische Credo ohne Zusatz zu verwenden, lehramtlich gestützt.¹¹
4. Ökumenische Gesten des 20. und 21. Jahrhunderts
Von besonderer Symbolkraft war die Begegnung von Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras I., die in den 1960er-Jahren zur Aufhebung der gegenseitigen Exkommunikationen von 1054 und zu gemeinsamen Gebetsakten führte.¹² Bei entsprechenden Feiern wurde das Credo auf Griechisch in der konziliaren Form bekannt – ein bewusster Rückgriff auf die ältere römische Praxis.¹²
Spätere Begegnungen der Päpste mit dem Ökumenischen Patriarchen – etwa Feiern mit Patriarch Bartholomaios I. in Rom – folgten demselben Muster: griechisches Credo und griechische Evangelienlesung ohne filioque als sicht- und hörbares Zeichen der Annäherung.¹³
Die römische Kirche bekennt sich damit praktisch zu jener Form des Glaubensbekenntnisses, die sie mit der Orthodoxie gemeinsam hat; das filioque bleibt Teil der eigenen lateinischen Tradition, wird aber nicht in den griechischen Text hineingetragen. Denzinger weist das Nicäno-Konstantinopolitanum von 381 in seiner griechischen Form als „normatives Symbol“ für Ost und West aus.¹⁴
IV. Der griechische Diakon in der Papstliturgie – Amt, Funktion, Symbolik
1. Amt und liturgische Rolle
Die Gestalt des griechischen Diakons in der Papstliturgie ist durch die liturgiegeschichtlichen Quellen gut belegt. Andrieu und Vogel zeigen, dass in der Papstmesse des Hochmittelalters ein diaconus latinus und ein diaconus graecus nebeneinander auftreten: der eine singt das Evangelium auf Latein, der andere denselben Text im Anschluss auf Griechisch.⁵
Chavasse beschreibt die griechische Kapelle des Papstes als eigene Einheit innerhalb des Hofklerus; ihre Diakone traten in byzantinischer Liturgiegewandung auf und standen oft in Verbindung mit griechischen Klöstern.⁴ In der Neuzeit übernahm das Collegium Graecum (Urbanum) diese Rolle und stellte regelmäßig Diakone und Subdiakone für päpstliche Feiern.¹⁵
Der griechische Diakon hatte damit keine dekorative, sondern eine klar umrissene liturgische Funktion: Er verkörperte am Ambo die östliche Tradition und gab ihr in der römischen Liturgie Stimme und Gestalt.⁴ ¹⁵
2. Symbolische Deutung
Die mittelalterliche Symboltheologie deutete die Doppelgestalt der Diakone als Bild für Ost und West, die gemeinsam das eine Evangelium tragen. Hugo Rahner sieht in solchen doppelten Figuren der Liturgie eine „ikonische Ekklesiologie“: Die Kirche besteht aus verschiedenen Traditionen, bleibt aber ein einziger Leib Christi.⁹
In heutiger Sprache lässt sich sagen:
- Der lateinische Diakon repräsentiert die Sendung der römischen Kirche und den Dienst des Petrusamtes.
- Der griechische Diakon repräsentiert die Treue zur apostolischen Ursprache und zu den Vätern des Ostens.
Gemeinsam bilden sie eine „Diakonie der Einheit“: zwei Dienste, ein Evangelium, eine Kirche.⁹
3. Fortdauernde Praxis
Auch in der jüngeren Papstliturgie ist der griechische Diakon nicht völlig verschwunden. L’Osservatore Romano berichtet von Feiern, bei denen das Evangelium in Anwesenheit orthodoxer Patriarchen auf Griechisch vom Ambo der römischen Basiliken gesungen wurde.¹³
Solche Einzelereignisse zeigen: Die Tradition ist nicht nur historisch rekonstruierbar, sondern praktisch lebendig, – wenn auch nicht mehr in einer stabilen und regelmäßigen Form, wie sie, entsprechend der guten liturgischen Tradition, der ökumenischen Bedeutung des Zeichens entsprechen und gerecht werden würde.¹³
V. Ökumenische Perspektiven: Warum dieser Ritus heute wieder nötig ist
1. Sichtbare Katholizität in einer fragmentierten Welt
In einer globalisierten, zugleich aber kulturell und kirchlich fragmentierten Welt braucht die ökumenische Bewegung Zeichen, die unmittelbar verständlich sind.
Die zweifache Evangelienlesung und das zweisprachige Credo besitzen eine hohe symbolische Klarheit:
- Ohne lange Erklärung ist hörbar: Ost und West verkünden gemeinsam das Evangelium und sprechen gemeinsam das Glaubensbekenntnis.
- Mit kurzer katechetischer Deutung wird einsichtig, warum das griechische Credo ohne filioque gesungen wird, ohne dass die westliche Tradition geleugnet wird.
So wird im Gottesdienst sichtbar, was lehramtliche Texte wie Ut unum sint theologisch entfalten: dass die Kirche ihre Einheit in der Spannung und im Zusammenklang beider Traditionen zu leben hat.¹⁶
2. Liturgie als Schule der Einheit
Liturgie ist nicht nur Ausdruck des Glaubens, sondern auch Schule des Glaubens. Wenn in Rom regelmäßig Evangelium und Credo in Latein und Griechisch erklingen, kann dies
- katholische Gläubige mit der griechischen Sprache des Glaubens vertraut machen,
- Vorurteile gegenüber der Orthodoxie abbauen,
- den theologischen Dialog über Pneumatologie und Ekklesiologie in eine konkrete Gebets- und Hörerfahrung einbetten.
Was gemeinsam gebetet und gesungen wird, prägt sich tiefer ein als abstrakte Formeln. Papst Benedikt XVI. hat wiederholt betont, dass gerade die liturgische „Form des Glaubens“ eine ökumenische Brücke sein kann.¹⁷
3. Versöhnte Verschiedenheit im Umgang mit dem filioque
Das Dokument von 1995 zur Prozession des Heiligen Geistes und die nachfolgenden ökumenischen Gespräche haben deutlich gemacht, dass die Differenz in der Formulierung (ex Patre – ex Patre Filioque) kein ontologischer Gegensatz zweier Glaubenswelten ist.¹¹
Ein zweisprachiges Credo in der Papstmesse würde diesen Konsens liturgisch sichtbar machen:
- Das lateinische Credo mit filioque bleibt Ausdruck der westlichen Tradition.
- Das griechische Credo ohne Zusatz erinnert an die gemeinsame konziliare Basis.
- Die Koexistenz beider Formen im selben Gottesdienst zeigt, dass Einheit des Glaubens nicht Uniformität der Sprach- und Denkform voraussetzt.¹¹
Damit könnte ein neuralgischer Punkt der Kirchengeschichte zu einem „heilenden Zeichen“ werden.
4. Konkrete Vorschläge für die Papstliturgie
Aus pastoraler und ökumenischer Sicht ließen sich praxisnahe Kriterien formulieren:
Regelmäßige zweisprachige Verkündigung
- an den Hochfesten des Kirchenjahres (Ostern, Pfingsten, Weihnachten),
- am Fest der hl. Apostel Petrus und Paulus (als Fest von Rom und Konstantinopel),
- bei Jubiläen der ökumenischen Konzilien Nicäa und Konstantinopel.
Verpflichtende zweisprachige Form
- bei Papstfeiern mit Teilnahme des Ökumenischen Patriarchen oder anderer orthodoxer Patriarchen,
- bei Gedenkfeiern der Aufhebung der „Exkommunikationen von 1054“ oder bedeutender ökumenischer Schritte.¹² ¹³
Pastorale Begleitung
- kurze Erläuterungen im Messbuch bzw. im Libretto der Papstmessen,
- begleitende Artikel in L’Osservatore Romano,
- Übernahme dieses Modells in ausgewählten Kollegien, Klöstern, Kathedralen oder Wallfahrtsorten als „Schule der Einheit“.¹⁷
5. Spirituelle Dimension
Neben aller Theologie bleibt der einfache geistliche Kern: Wenn in der Petersbasilika das Evangelium erst lateinisch und dann griechisch erklingt, wenn das Credo in beiden Formen gesungen wird, wird erfahrbar
- dass der Geist Gottes in der Geschichte der Kirche weiterwirkt,
- dass alte Wunden nicht das letzte Wort haben,
- dass die Sehnsucht nach der vollen eucharistischen communio zwischen Ost und West lebendig ist.
Solche Zeichen können – ohne jede Illusion – zu einem Ort der inneren Umkehr und der Erneuerung der Liebe werden, die allein wirkliche Einheit ermöglicht.¹⁸
VI. Schluss: Ein Plädoyer aus der Tradition heraus
Die zweisprachige Evangelienlesung und das zweisprachige Credo sind kein romantischer Rückblick in eine vergangene liturgische Welt. Sie sind vielmehr ein Schatz der römischen Tradition, der in der Gegenwart einen neuen, eminent ökumenischen Sinn gewinnen kann.
Historisch ist klar:
- Rom war über Jahrhunderte hinweg reale Schnittstelle von Ost und West,
- die Papstmesse war paradigmatisch zweisprachig,
- der griechische Diakon und das griechische Credo ohne filioque gehörten zum regulären Bild der päpstlichen Liturgie.¹–⁸ ¹⁵
Theologisch ist ebenso klar:
- beide Formen des Credo bekennen dieselbe trinitarische Wahrheit in unterschiedlicher Sprachlogik,¹⁰–¹¹
- das Lehramt erkennt die normative Bedeutung des griechischen Symbols an,¹¹ ¹⁴
- die ökumenischen Gesten der letzten Jahrzehnte haben gezeigt, wie fruchtbar liturgische Zeichen für den Weg zur Einheit sind.¹² ¹³ ¹⁶–¹⁸
Daraus ergibt sich ein schlichtes, aber gewichtiges Plädoyer:
Die römische Kirche sollte aus der Tiefe ihrer eigenen Tradition heraus den Ritus der zweifachen Evangelienverkündigung und des zweisprachigen Credo-Gesangs in der Papstliturgie wieder regelmäßig und bewusst pflegen.
Nicht als folkloristische Beigabe, sondern als Ausdruck eines Petrusdienstes, der heute in besonderer Weise den Auftrag hat, die Brüder und Schwestern des Ostens im Glauben zu stärken – und sich zugleich von ihnen stärken zu lassen.¹⁶
Wo das Evangelium in Latein und Griechisch verkündet und das Credo in beiden Formen gesungen wird, beginnt die Kirche liturgisch so zu atmen, wie sie es theologisch sein soll: mit zwei Lungenflügeln – Ost und West –, im einen Geist.⁹ ¹⁸
Endnoten
1 Catholic Encyclopedia, Art. „Liturgy of the Mass“; H. A. Daniel, Geschichte der Liturgie im Altertum, Leipzig 1899, 42–50; J. A. Jungmann, Missarum Sollemnia, Bd. I, Wien 1962, 317–320; LThK³, Art. „Liturgiesprachen“.
2 RAC 32, Sp. 45–68, Art. „Tres linguae sacrae“; Hilarius von Poitiers, Tractatus in Psalmos 14,3; G. Martimort (Hg.), Handbuch der Liturgiegeschichte, Bd. 2, Freiburg 1990, 460–467.
3 LThK³, Art. „Schola Graeca“; C. Pietri, Roma Christiana, Bd. II, Paris 1976, 1227–1245.
4 Liber Pontificalis, ed. Duchesne, Bd. I, Paris 1886, 447 und 512; A. Chavasse, La liturgie romaine de l’époque carolingienne, Paris 1958, 233–240.
5 M. Andrieu, Les Ordines Romani du haut moyen âge, Bd. II–III, Louvain 1954–1956 (bes. Ordo Romanus XIV cap. XVII); C. Vogel, Medieval Liturgy. An Introduction to the Sources, Washington 1986, 213–220.
6 Burchard von Straßburg, Caeremoniale Romanum (um 1480), cap. XIV; Caeremoniale Episcoporum, Rom 1600, pars II, cap. XIII; Diarium Ceremoniarum Leonis XIII, Vatikanisches Apostolisches Archiv, Cod. Cerem. 33, fol. 41v; P. M. Gy, Histoire de la liturgie, Paris 1983, 232–238.
7 P. F. Palazzo, A History of Liturgical Books, Collegeville 2000, 72–78; R. F. Taft SJ, Through Their Own Eyes. Liturgy as the Byzantines Saw It, Collegeville 2006, 251–255.
8 Ordo Romanus XI, Cod. Guelf. Wissembourg 91 (HAB Wolfenbüttel), ed. M. Andrieu, Les Ordines Romani, Bd. IV, Louvain 1956, 303–310; Arthur Westwell, „Liturgical Texts in OR XI: A Wissembourg Example“, 2023 (online publ.).
9 M. Fiedrowicz, Vom Sinn des Ritus. Liturgie als Quelle des christlichen Lebens, Regensburg 2018, 214–218; J. Ratzinger, Der Geist der Liturgie. Eine Einführung, Freiburg 2000, 128–133; H. Rahner, Symbole der Kirche. Die Ekklesiologie der Väter, Freiburg 1964, 217–225.
10 Acta Conciliorum Oecumenicorum, II/1, Berlin 1914, 71–76 (Text von Konstantinopel 381); J. Daniélou, Histoire des dogmes, Bd. II, Paris 1958, 327–333; P. Chapman, The Filioque Controversy, Oxford 1983, 48–55.
11 Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, The Greek and the Latin Traditions Regarding the Procession of the Holy Spirit, Vatikan 1995, Nr. 2–7 (dt. in: Ökumenische Theologie 7 [1996], 112–118).
12 Acta Apostolicae Sedis 59 (1967), 593–596; J. Oesterreicher, Paul VI and Athenagoras I: A New Step towards Unity, Rom 1967, 47–49.
13 L’Osservatore Romano, 10. Mai 2014, 5 (Bericht über Papstmesse mit Patriarch Bartholomaios I.).
14 A. Denzinger – P. Hünermann, Enchiridion symbolorum, Freiburg 2012, Nr. 800 u. ö.
15 Archiv des Collegium Graecum (Urbanum), Reg. XIII (1638–1775).
16 Johannes Paul II., Enzyklika Ut unum sint (1995), bes. Nr. 54–56.
17 Benedikt XVI., Predigt am Pfingstsonntag 2008 (Homiliensammlung); vgl. ekklesiologische Aussagen zur Liturgie in mehreren Ansprachen.
18 Vgl. zusammenfassend M. Fiedrowicz, Vom Sinn des Ritus; J. Ratzinger, Der Geist der Liturgie; H. Rahner, Symbole der Kirche; sowie die ökumenische Grundoption von Ut unum sint und die praktischen Gesten der jüngeren Päpste (Paul VI., Johannes Paul II., Benedikt XVI., Franziskus).
